Vollgas mit Jesus oder anders: All in 4 Jesus

von Irene Haibucher

Mein Leben

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Erste Jahre
Ich bin in Bülach aufgewachsen. Mein Bruder ist zweieinhalb Jahre jünger als ich und heisst Fritz. Ich erinnere mich an die Sonntage, wo sich mein Bruder und ich an Papis Hand halten beim Sonntagsspaziergang und s’Mami hinterher geht. Wir haben viel Besuch, oft auch Missionare auf der Durchreise. Dazu haben wir Pflegekinder, um die sich meine Mutter kümmert.

An was ich mich auch erinnere: ich bin sehr eifersüchtig auf meinen Bruder. Ich habe immer Angst ich komme zu kurz. Später merke ich, dass ich durch meine intensive, fordernde Art schlussendlich viel mehr erhalte als mein Bruder. Aber das sehe ich in dem Alter natürlich nicht.

10–16 Jahre
In der Schule bin ich gut und muss nicht viel lernen. Zuerst spiele ich Korbball, was mir Spass macht, aber ich nicht sehr gut bin. Ich bin gut im Rennen, aber ich treffe den Korb selten, weil ich nur mit einem Auge sehe. Da fehlt die Tiefe und ich kann die Distanz zum Korb nicht einschätzen. Später spiele ich Fussball, da bin ich viel besser. Viele Jahre spielen wir jeden Freitagabend im Schulhaus Schwerzgrueb. Wir nehmen an Grümpelturnieren teil und gewinnen immer wieder.

Unser Team. Ich bin Goali.

Unser Team. Ich bin Goali.

Ich will Schriftsetzerin lernen wie mein Vater. Ich erinnere mich, wie ich mit ihm nach Winterthur zur Firma Sailer Druck fahre, einige Ordner unter dem Arm. Wir treffen Herrn Küenzli. Mein Vater redet mit ihm, ich sitze daneben und anschliessend unterschreiben wir den Vertrag. Ordner wollte er keine sehen. Wenn ich denke, wie das heute abläuft…

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Hier ein paar Portraits von meinem Werdegang. Ungefähr 14 bis 21 Jahre. Ich kann die Bilder nicht mehr alle nach Jahrgang einordnen.

Meine Mutter erzählt mir später: Wir haben Besuch und du machst gerade wieder Mal etwas freches. Da sagen die Gäste: „Wenn du so böse bist, hat dich aber deine Mami nicht mehr lieb!“ Da hast du dich vor die Person hingestellt und gesagt: „Mein Mami hat mich immer lieb!“ Das sei eine Sternstunde gewesen für sie.

16–20 Jahre
Die Lehre ist ein böses Erwachen. Ich beginne und denke, ich bin jemand, ich kann schon alles. Das ist natürlich nicht so! Herr Küenzli gehört zur alten Schule. Jede Woche werde ich einmal zusammengestaucht. Meine Mutter erzählt mir, dass ich oft am Abend heimkomme und weine. Ich bin natürlich auch keine einfache Jugendliche. Ich sage immer, was ich denke. Das kommt nicht gut an. Einmal musste ich z.B. mit dem Inhaber der Firma auf dem grossen Leuchtpult eine 4-Farben-Montage machen. Das Wichtigste sind die Passkreuze, dass die übereinander stimmen. Meine sind gesetzt, er wird unterbrochen und bespricht etwas mit einem Kunden. In der Zeit gehe ich schauen, wie seine aussehen. Und prompt sind sie 0.5 mm daneben. Ich gehe zurück an meinen Platz. Als er wieder kommt, sage ich ihm, er solle doch seine Kreuze einmal anschauen. Er ist empört und sagt: „Die habe ich montiert!“ Ich bitte ihn nochmals. Er schaut, wird rot und sagt, „Komm, mach’s du“. Solche Erlebnisse gibt es immer wieder. Das erhöht meinen Beliebtheitsgrad nicht.

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In dieser Zeit gehe ich in die christliche Jugendgruppe Sprungtuech, da in Bülach. Es gibt viele coole junge Leute da. Wobei es auch einige komische gibt. Ich frage mich, warum die da sind. Wohl weil die Christen alle aufnehmen müssen. Ich bin ziemlich rebellisch.

Mit der Jugendgruppe besuchen wir ab und zu eine Evangelisation. Dort gehe ich nach vorne und bete zu Gott, dass er mir meine Sünden vergibt. Ich will mein Leben in Beziehung mit Gott und Jesus leben.

Mit 18 lerne ich meinen Freund X. beim Skifahren in Bergün kennen und wir sind ein Paar.

Body Building
Ich weiss nicht  mehr, wie ich dazu komme bei G.G. Body Building anzufangen. Ich liebe das Training. Es gefällt mir, im Training an meine Grenzen zu gehen und drüber. Mit einem Trainingspartner ist das möglich. Mit 20 mache ich einen Wettkampf mit. Sechs Monate lebt man auf einen Tag hin. Das Training ist genau abgestimmt. Das Essen muss die richtige Mischung sein. Man schläft für den einen Tag… es muss einfach alles stimmen. Es ist ein Anfänger-Wettkampf. In meiner Kategorie sind wir zu zweit. Ich werde zweite. Es ist mein erster und letzter Wettkampf. Das ist mir zu einseitig. Ich habe keine Lust, nicht mehr joggen gehen zu dürfen, weil ich Masse verlieren könnte. So ist meine Karriere vorbei, kaum hat sie begonnen. Das Training führe ich jedoch weiter, weil ich es gerne mache und es mir viel bringt. Ich kann jede andere Sportart anfangen und habe eine Grundmuskulatur, die sehr hilfreich ist.

Motorradreise in die Wüste – Ruedi
Mit 18 erfülle ich mir meinen langjährigen Traum und beginne mit Töff-Fahren. Mit 20 folgt die grosse Prüfung. X. erzählt von einer Töffreise in die Wüste. Ich will auch mitgehen. Wir üben in der Kiesgrube, ich getraue mich nicht einmal die Kieshaufen hochzufahren. Es ist mir ein Rätsel, wieso der Organisator mich überhaupt mitnimmt. Wir sind 14 Motorradfahrer und 6 Leute in 3 Begleitfahrzeugen. Am 26. Dezember 1985 fahren wir los: vier Wochen von Winterthur nach Marseille, mit dem Schiff nach Tunis, runter bis Tamanrasset und wieder hoch nach Tunis. Von dort über Genua wieder heim. 7’000 km.

Ruedi ist auch in unserer Gruppe. Mein erster Kontakt mit ihm findet vor einem Einkaufszentrum in Frankreich statt. Wir sind auf dem Weg nach Marseille, um dort mit dem Schiff nach Tunis zu fahren. Er läuft mit seinen Kollegen vor mir her und schüttelt sein Joghurt-Drink. Der Deckel springt ab und ich bin mit Joghurt vollgespritzt. Ich denke, was ist das für ein Depp!!!

Unterdessen sind wir am Rand der Wüste, morgen geht es ohne geteerte Strasse weiter. Der Chef teilt uns mit, dass ich mit von nun an mit Y. fahren muss. Mir geht der Laden runter. Er ist der schlechteste Fahrer, ich die zweitschlechteste. Zu Hause hatte ich geplant, dass ich mit meinem Freund X. fahre. Aber er fährt mit seinen Kollegen. So bleibt mir nichts anderes übrig und am nächsten Morgen mache ich mich genervt bereit und fahre los.

Ohne dass ich es weiss, hat Ruedi alles beobachtet. Er sieht auch, dass die Kombination nicht sehr glücklich ist. So fragt er mich am nächsten Tag, ob ich einen halben Tag mit ihm und seinem Kollegen fahren will. Ich sage freudestrahlend ja. Mir ist ja egal mit wem ich fahre, Hauptsache mit jemand anders. So weisen wir Y. an, in der Nähe der Fahrzeuge zu fahren, so dass nichts passieren kann. Ich selber schliesse mich Ruedi an. Er fährt voraus, ich in der Mitte und sein Freund zuhinterst. Wenn es mich jeweils abtischt, hält er an und hilft mir wieder auf. Die Autos bleiben immer wieder Mal stecken. Das bedeutet für uns Wartezeiten. Ruedi erklärt mir Technisches vom Motorradfahren. Ich habe keine Ahnung. Da ich klein bin, kann ich nicht einfach die Beine rausstrecken und wie mit dem Laufrad durch die tiefen Rinnen rollen. Er zeigt mir, dass ich das Motorrad klemmen muss und es so viel besser geht. Ich bin wie ein Schwamm und sauge alles auf und übe. Ich liebe es, Neues zu lernen und zu üben. Ihm gefällt das. So werden aus dem halben Tag drei Wochen, die wir zusammen fahren.

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Im Offroad Bereich immer mein Handycap: zu kurze Beine. Man beachte, dass Ruedi dieses Problem nicht hat.

Mein Traummann sieht aus wie Arnold Schwarzenegger. So sehe ich bei Ruedi keine Gefahr in die Richtung. Er kommt gerade aus einer zerbrochenen Beziehung und geht in die Wüste, um Abstand zu gewinnen. So haben wir einfach Spass zusammen. Ich bin 20, er 25. Er ist wie mein grosser Bruder. Wir reden viel zusammen. Auf der Reise passiert jeden Tag etwas Neues. Es ist sehr anstrengend. Viele laufen am Anschlag und sind gestresst. Man lernt einander so kennen, wie wir wirklich sind. Die Masken fallen. X. ist gestresst und wir leben uns auseinander. Am Ende der vier Wochen reden wir miteinander und kommen übereinstimmend zum Schluss, dass wir unsere dreijährige Beziehung beenden.

Ruedi und ich beginnen unsere Beziehung. Grosse Überraschung für meine Eltern: Ich gehe mit einem Freund in die Wüste und komme mit einem anderen wieder heim!

180 Grad Umkehr
Ich halte mich für eine gläubige Christin. Später erzählt mir Ruedi, dass er dachte: „Wenn das eine Christin ist, was sie da lebt, dann möchte ich kein Christ sein“. Heute weiss ich, dass das, was ich glaubte und das, was ich lebte, nicht übereinstimmte. Nach der Wüste suche ich mir eine Stelle in der französischen Schweiz, weil ich Französisch können will. Z. ist mein grosses Vorbild. Er kann Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Auf der Reise begegnen uns immer wieder auf Menschen aus den verschiedensten Ländern, die die verschiedensten Sprachen sprechen. Immer, wenn wir so jemanden treffen, rufen wir ihn und er übersetzt für uns. Das will ich auch! Ich finde eine Stelle als Sekretärin in einem Gästehaus der Landeskirche. (Als Schriftsetzerin finde ich nichts). Ich arbeite drei Monate dort. An einem Weekend lerne ich H.  kennen, die vorherige Sekretärin. Innerlich bin ich an einer Kreuzung. Ich spüre, etwas muss sich ändern. Zu der Zeit habe ich verschiedene Beziehungen zu Männern, alle gleichzeitig. Ich frage H.: „Bist Du Christ?“. Sie ist introvertiert und wahrscheinlich schockiert sie meine Frage. Sie sagt aber ja. Wir reden zwei Tage miteinander. Ich erzähle ihr alles und zum Schluss beten wir miteinander. Das ist für mich der Anfang von meinem Leben mit Jesus. Als erstes zeigt er mir, dass mein Motorrad mein Gott ist. Ich verkaufe es. In Sachen Freundschaften weiss ich, ich will EINEN Freund oder keinen.

Genf (20–21)
Nach drei Monaten ist meine Zeit im Sekretariat abgelaufen. Ich suche wieder einen Job auf meinem Beruf und finde sofort etwas: in Genf. Nun ist das Problem mit der Wohnung. Ich finde ein Zimmer in einem katholischen Heim. Die Dame sagt mir, ich könne einen Monat bleiben. Ich erwidere, „das ist doch kein Problem, in einem Monat finde ich schon etwas“. Sie tönt etwas ungläubig, aber sie gibt mir das Zimmer. Ich beginne mit meiner Arbeit. Am ersten Sonntag gehe ich mit jemandem mit in die Kirche und sie sagen an, dass ein „Jeune Fille“ ein Zimmer sucht. Die Wochen vergehen und ich finde nichts. Es stresst mich eigentlich nicht, weil ich denke, Jesus hat mich nach Genf geführt, jetzt wird er wohl auch ein Zimmer für mich haben.

Eines Tages kommt der Anruf. Eine ältere Dame hat ein „Chambre de Bonne“ zu vermieten. 150.– im Monat. Ich gehe vorbei und schaue es mir an. Es ist im 7. Stock, ein langer Gang, ein Zimmer am anderen. Am Ende vom Gang befindet sich das Badezimmer mit einer Badewanne und einer Toilette. Zuerst denke ich, das geht gar nicht. Ich brauche doch Minimum ein Lavabo. Kochen darf ich nicht. Wieder in meinem Zimmer im katholischen Heim denke ich, wenn mir Jesus dieses Zimmer besorgt, wer bin ich, dass ich nein sagen könnte? So sage ich zu.

Monate später erzählt mir die Vermieterin, wie es auf ihrer Seite war. Sie wollte das Zimmer nicht mehr vermieten. Ich glaube, sie hatte schlechte Erfahrungen gemacht. Aber Jesus sagte ihr immer wieder: „Du musst da anrufen“. Und zum Schluss rief sie an und ich hatte ein Zimmer.

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Es ist für mich eine intensive Zeit. Ich erlebe viel mit Jesus. Das Zimmer ist 2 m breit und 2 m lang. Es hat keine Ablenkung. Ich mache viel Sport: Body Building, Triathlon und Karate. Ich arbeite Schicht. So habe ich jeden Tag viel Zeit. Am Morgen lese ich in der Bibel und bete. Ich lerne Jesus immer besser kennen. Ich bin nicht sicher, ob man als Christ Karate machen darf. (Es gibt viele Christen, die sagen, das ist nicht ok.) So frage ich ihn. Immer wieder. Ich sage ihm, wenn er nicht mehr möchte, dass ich es mache, er es mir zeigen muss. Nur weil andere nicht können, heisst das noch lange nicht, dass ich auch nicht kann.

Einmal besuche ich H. in Lausanne. Sie arbeitet in der Stadtmission als Sekretärin. Ich lerne einen Jungen kennen, der lange Judo und Karate gemacht hat. Immer auf Infos aus, gibt er mir ein Heft, das ich auf dem Heimweg im Zug lese. Da steht drin, dass bei uns im Karate vor allem der Sport betont wird. Das Spirituelle lässt man weg. Sie brauchen das Bild von einem Baum. Die Wurzel vom Karate liegt in den fernöstlichen Religionen. Wie kann der Baum (der Sport) gut sein, wenn die Wurzeln „schlecht“ sind? (Mit schlecht meine ich, unvereinbar mit meinem christlichen Glauben). Für mich ist das die Antwort, die ich suche. Ich ziehe nie mehr ein Kimono an.

In der Stillen Zeit spüre ich auch, wie Jesus mich fragt, wie das möglich ist, dass ich sage, er sei das Wichtigste in meinem Leben, ich aber nur ca. 30 Minuten pro Tag mit ihm verbringe. Dafür mache ich 3-5 Stunden Sport im Tag. Ich sage ihm, dass ich gar nicht weiss, was ich mit ihm so lange machen soll. Aber ich will, dass mein Glauben und mein Leben übereinstimmen. Ich überlege, wie ich mehr Zeit mit ihm verbringen kann. Ich melde mich für einen Bibelfernkurs an und lerne so mehr aus der Bibel. Ich mache das, weil ich es will und nicht, weil ich denke, das sollte ich.

Ruedi und ich – wie geht es weiter?
Vor Genf entscheide ich mich für Jesus und auch, dass ich entweder EINEN Freund habe oder gar keinen. Im Herzen weiss ich, dass es Ruedi ist, oder keiner. Ich kenne sein Herz, ich weiss, wer er ist. Ich merke aber, dass ich lernen muss, allein sein zu können. Seit ich 14 bin, habe ich einen Freund. Jetzt ist es Zeit, alleine zu sein. Das erlebe ich stark in Genf und komme in meiner Beziehung zu Gott und Jesus einen riesigen Schritt weiter. Ruedi und ich bleiben in lockerem Briefkontakt. Er zieht von zu Hause (Winterthur) nach Grenchen und arbeitet dort in der Uhrenindustrie. Ein Jahr später vereinbaren wir ein Treffen und es stellt sich heraus, dass er in Grenchen sein Leben auch Jesus übergeben hat. Nun haben wir eine komplett andere Basis für unsere Beziehung. Wir treffen uns alle zwei Wochen und erleben, wie beide von Gott in die gleiche Richtung verändert werden.

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Mittlerweile ist Ruedi 28 und ich 23. Langsam wird heiraten ein Thema. Ich hatte mir aber immer vorgenommen, bevor ich heirate alles getan zu haben, was ich einmal erleben wollte. Dazu gehörte eine Reise ins Ausland. Es ergibt sich, dass ich mit meinem Bruder Fritz nach Amerika reise. Wir beginnen in Miami, Key West, Orlando, New York und quer nach Kalifornien. Wir sind 7 Monate unterwegs.

In Dallas treffen wir Z., Mitarbeiter mit Wycliffe Bibelübersetzer. Er zeigt mir das Zentrum, wo die übersetzten Bibeln für den Druck vorbereitet werden. Ich merke, wie ich als Schriftsetzerin genau die Person bin, die es braucht. Bisher ist mir das nicht aufgefallen. Z. schlägt vor, dass Fritz und ich den Wycliffe-Kurs in Kalifornien besuchen. Das ist ein Wendepunkt in meinem Leben. Während einem Monat lernen wir, was es bedeutet, mit Wycliffe Missionar zu sein, die Bibel zu übersetzen, in einem fremden Land zu leben. Die Lektionen von J. sprechen mich an, er ist es, der uns Wycliffe näher bringen soll. Er beginnt seine erste Stunde mit: „Ich bin nach Papua-Neuguinea geflogen und habe erwartet, das Paradies vorzufinden.“ Das war dann aber nicht so. Er hat total ehrlich von seinem Erleben erzählt. Sein Motto war (und das habe ich für mich übernommen): ehrlich, offen und transparent zu sein.

Diesen Mann hat Gott dazu gebraucht, dass ich zum Punkt kam, wo ich ihm alles übergeben habe. Auch meine Lebenspläne! Ich wollte nie Missionarin werden. Das wäre das Letzte gewesen, was mich interessiert hätte. (Als Kind hatten wir ja viel Besuch von Missionaren. Irgendwie erhielt ich den Eindruck, dass das Menschen sind, die nicht so gut miteinander auskommen. Ich weiss nicht mehr, warum. Ich hatte einfach einen negativen Eindruck.) Gott wollte einfach, dass ich das will, was er will. Ich entschied, dass ich beginne, mich auf einen Einsatz in Afrika vorzubereiten. Also Gott zu zeigen, dass es mir Ernst ist, das zu tun, was er mir gezeigt hat. Aber ich sagte ihm auch, dass es mir lieber wäre, dass er die Türen schliesst und es genug ist, dass ich bereit bin. Dass ich nicht unbedingt auch gehen muss.

Und Ruedi?
Nach dem Kurs fliege ich wieder heim. Mittlerweile hat Ruedi sich entschieden, dass er eine Kurzbibelschule machen will. Ich denke, cool, das mache ich auch. Aber die Idee hat sich dann zerschlagen, weil die Schule für mich zu eng war. (Jeder Tag ist von Morgens bis Abends vorgegeben, was man machen muss. Das ist nach 7 Monate reisen und jeden Tag machen, was ich will schwierig). Aber Ruedi macht sie.

Sein Zimmerkamerad macht immer wieder Einsätze im Ausland als Zimmermann. So merkt Ruedi, dass Mission (für Gott im Ausland arbeiten) auch etwas für ihn ist. Da er ist von Beruf Maschinenmechaniker ist, hatte er das vorher nie in Betracht gezogen. Er meinte, es brauche nur Ärzte, Übersetzer und andere studierte Berufe. So wird er offen für die Möglichkeit, in die Mission zu gehen. Er schliesst die 6 Monate Bibelschule ab. Während der Zeit arbeite ich in einer Druckerei in Zürich. Nach dem Kurs nehmen wir an einer Veloreise in Frankreich teil und Ruedi fragt mich, ob ich seine Frau werden möchte. Ich sage JA!

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Vor und nach der Hochzeit (1989)
Nun ist es also klar, dass es Richtung Arbeit im Ausland geht. Wir informieren uns bei Wycliffe Schweiz, was es braucht, um als Wycliffe-Mitglieder ausreisen zu können. Wir nehmen im Sommer am Linguistik-Kurs teil. (Da wird man in die Geheimnisse der Sprachwissenschaft eingeführt.) Ohne diesen Kurs kann man nicht als Mitglied aufgenommen werden. Im Kurs merken wir, dass wir uns eher zur praktischen Unterstützung der Bibelübersetzung eignen und weniger zur eigentlichen Übersetzungsarbeit. Am Ende des Kurses treffen wir uns mit der Personal-Chefin und sie empfiehlt uns Folgendes:

  • gut Englisch zu lernen
  • ein Jahr in Amerika zu verbringen, um die amerikanische Kultur kennen zu lernen. Als Unterstützungspersonal arbeitet man oft mit Amerikanern zusammen. Das gibt immer wieder Missverständnisse und es hilft, wenn man die Amerikaner in der eigenen Kultur kennengelernt hat
  • ein Jahr Bibelschule, dass wir uns geistlich selber ernähren können. Das heisst, dass wir mit oder ohne christliche Gemeinde leben können. Dass wir so eine tiefe Beziehung zu Gott haben, dass wir nicht darauf angewiesen sind, von aussen Input zu erhalten.

Da ich mit meinem Bruder sieben Monate in Amerika herumgereist bin, kann ich schon gut Englisch. Ruedi hat keine Vorkenntnisse. Er entscheidet sich aber, alles aufs Mal zu machen: Wir heiraten im November, bleiben sechs Monate in der Schweiz, um uns als Ehepaar einzuleben (ich glaube, er sah die Krisen voraus), dann im Mai nach Amerika, drei Monate intensiv Englisch und danach ein Jahr Bible College. Ich bin einverstanden und so machen wir’s.

Flitterwochen
Am 25. November 1989 ist der grosse Tag: unsere Hochzeit. Es ist ein toller Tag, den wir geniessen können. Für die Flitterwochen reisen wir nach Israel. Wir verbringen eine Woche am Meer, reisen eine Weile im Land herum und am Schluss geniessen wir nochmals das Meer in Eilat. Ich erinnere mich an unseren letzten Abend: Ich sitze auf dem Bett und weine. Irgendwie ist verheiratet sein nicht so, wie ich es mir gedacht habe. Ich weiss auch nicht genau, warum. Ich sage zu Ruedi: „Ich glaube, es war ein Fehler. Komm, wir gehen zurück in die Schweiz und tun so, als wäre es nicht passiert.“ So haben wir unsere Ehe angefangen.

Natürlich sind wir zusammen zurückgereist und lebten sechs Monate in einer möblierten Wohnung, die wir von einem Ehepaar mieten konnten, die genau die sechs Monate nach Neuseeland gereist sind. Ruedi und ich sind sehr verschieden. Ich glaube, bei all den Persönlichkeitstests, die wir je gemacht haben, waren wir immer am weitesten voneinander entfernt auf den Skalen. Wir wissen, das ist eine Chance, aber natürlich auch eine Schwierigkeit. Die grössten Krachs haben wir in der Küche. Ruedi sagt mir immer, wie ich es machen muss und ich hasse das. Zum Beispiel kaltes Wasser laufen lassen, wenn man die Teigwaren abschüttet. Das Licht löschen, wenn man aus dem Zimmer geht. Solche Details nerven mich. Papier auf beiden Seiten brauchen. Das habe ich in meinem Leben noch nie gemacht. Ich bin in einer Druckerei aufgewachsen!

Erstes Eheseminar
Aufgrund unseres eher steinigen Starts, melden wir uns noch vor Amerika zu einem einwöchigen Eheseminar an. Die anderen Ehepaare fragen uns, was wir denn da machen. „Euch geht es ja gut!“ Es ist ein Ehepaar dabei, seit 14 Jahre verheiratet, das sich scheiden lassen will, wenn das Seminar nicht hilft. Für uns ist es eine super Sache. Viele Dinge, über die wir uns aufreiben, so lernen wir, gehören einfach zum Unterschied Mann – Frau. Also nichts, zum drüber stressen.

Ein Beispiel, das ich nie vergesse: Shoppen: Der Leiter erzählt, Männer sind Jäger. Die steuern in den Laden, schauen herum, probieren (wenn’s sein muss) ein paar Hosen, aha es passt, zahlen und raus. Frauen sind Sammlerinnnen: Von Laden zu Laden, dazwischen einen Kaffee trinken, Tausend Kleidungsstücke probieren und am Schluss zurück in den ersten Laden. Und vielleicht etwas kaufen. So hat sich Ruedi dazu entschieden, Geduld zu üben und mir Zeit zu geben, wenn wir lädelen.

Das ist mir vom ersten Eheseminar geblieben. Es gibt sicher noch einiges anderes, was wir gelernt haben.

Zwei Jahre Amerika (1991–1992)
Zur Hochzeit erhalten wir von unserer Jugendgruppe ein Tandem. Das nehmen wir mit. In New York passt es fast nicht in den Bus (wir müssen den Flughafen wechseln), das ist voll der Stress. Am Schluss klappt’s und wir kommen gut in Columbia in South Carolina an. Wir können für kurze Zeit auf dem Bibelschulareal wohnen, müssen uns aber eine Unterkunft suchen. (Ich weiss nicht mehr, warum wir nicht auf dem Campus wohnen konnten. Wahrscheinlich hatte es keinen Platz). Wir beten und jemand erzählt uns von einem Haus, das nicht weit vom Campus entfernt liegt (Velo-Distanz, was in Amerika nicht selbstverständlich ist). Wir treffen das ältere Ehepaar, das das Haus vermietet. Wir verstehen sie fast nicht, weil sie so einen starken südlichen Akzent (Southern drawl) haben. Aber es geht. Sie sagen, wir dürfen selber bestimmen, wie viel Miete wir bezahlen möchten. Und als wir erwähnen, dass wir keine Möbel hätten, antworten sie, ach, sie hätten da noch etwas herumstehen und sie möblieren das Haus. Es sind zwei Schlafzimmer, eine Stube und eine Küche. Perfekt für uns. Ein kleines Häuschen. Für uns ein Wunder.

Wir beginnen den Intensiv-Englisch-Kurs an der Universität. Das ist vor allem für Ruedi eine intensive Zeit. Nach den 10 Wochen Englisch beginnt das College. Wir haben von 8 bis 12 Uhr Schule, anschliessend machen wir zu Hause Aufgaben. Manchmal bis um 22 Uhr. Das coole an der Zeit ist, dass immer der, der die wichtigste Schularbeit machen muss, sie macht und der andere den Haushalt schmeisst. Das gefällt mir. Gabenorientiert arbeiten. Also, wenn Ruedi lesen muss, dann staubsauge halt ich. Oder umgekehrt, wenn ich eine schriftliche Arbeit machen muss, dann kocht er. So merken wir, wie wir als Team funktionieren und wie das Spass macht.

Die ersten Monate sind für Ruedi extrem anstrengend. Am Anfang schreibt er die schriftlichen Arbeiten auf Deutsch und ich übersetze sie auf Englisch. Mit jedem Monat, der vergeht, kann er besser Englisch und er kann schneller und besser lernen. Es kommt auch seine Stärke zum Vorschein: Dran bleiben, jeden Tag arbeiten. Einen Tag um den anderen nehmen. Ich bin eher der Typ: Heute Vollgas und morgen wieder etwas anderes anpacken.

Wir gehen in eine lokale Kirche und lernen viele Leute kennen. Am Anfang, als Ruedi noch kaum  englisch spricht, wird er wie ein Behinderter behandelt. Das ist voll krass. Aber mit der Zeit ist das natürlich anders. In dieser Zeit treffe ich mich mit der Frau des Pastors. Ich erzähle ihr aus meinem Leben, wir gehen alles durch und anschliessend beten wir für Bereiche, in denen ich noch nicht frei bin. Das hilft mir sehr und bringt mich weiter in meinem Leben mit Jesus. Mehr Freiheit.

Nach einem Jahr besuchen wir noch andere Kurse im Zusammenhang mit Wycliffe. Kultur-Kurs, für Ruedi: Maintenance-Kurs und wie man ein Auto repariert, für mich: Computer-Kurs und Desktop Publishing Kurs. Wir lernen die amerikanische Kultur sehr schätzen. Wir haben Freunde und tiefe Beziehungen. Es gefällt uns.

Es werden auch immer wieder verschiedene Seminare über Glaubensthemen angeboten, die in Kleingruppen abgehalten werden. In dieser Zeit ist das Thema „Geistlicher Kampf“ sehr aktuell. Wir lernen extrem viel, auch vieles, was wir in unserem Leben anwenden können. Ein Beispiel: Wenn Ruedi und ich ein kleines Missverständnis, oder einen Streit haben, kommt mir immer der Gedanken: „Ruedi liebt mich nicht mehr.“ Das ist wie eine Schallplatte mit einem Hick. Es kommt immer wieder. In dem Kurs lernen wir, dass das ein Angriff vom Teufel sein kann und wir es einfach wegschicken können. Das habe ich angewendet und innert kürzester Zeit hatte ich diesen Gedanken nicht mehr. Das war ein tolles Erlebnis.

Wir lernen auch, wie wichtig es ist, unsere Gedanken zu kontrollieren. Ich beginne bei jedem Gedanken zu überlegen, ist das die Wahrheit oder nicht. Und wenn es nicht die Wahrheit ist, schicke ich den Gedanken weg. Am Anfang denke ich, das ist mega schwierig. Aber es ist ganz einfach und es funktioniert. Es ist sehr befreiend. Wir haben so viele Dinge, die uns beschäftigen und wenn wir nur noch die Wahrheit denken, dann ist es ermutigend und zieht uns nicht mehr herab.

In dieser Zeit wachsen wir sehr in unserem Glauben. Es ist eine intensive Zeit.

Wieder in der Schweiz (1992–1993)
Es sieht so aus, als ob wir in die Zentralafrikanische Republik ausreisen würden. Da hat Wycliffe einen ganz neuen Feldzweig begonnen. Erst wenige Mitarbeiter sind vor Ort. Sie haben ein Zentrum gekauft, nun braucht es jemanden, der es in Schuss bringt. Das wäre dann eben Ruedi. Aber es fehlt noch etwas: FRANZÖSISCH. Ich habe zwei Jahre in Genf gearbeitet. Für mich kein Thema. Ruedi kann Schulfranzösisch. So fahren wir nach Neuenburg zur Sprachschule. Da wir uns jetzt schon seit 3 1/2 Jahre vorbereiten, haben wir es langsam gesehen. Ruedi lernt sechs Monate, dann planen wir unsere erste Ausreise.

Bei Wycliffe muss jeder Mitarbeiter einen Freundeskreis haben, der für ihn betet und ihn finanziell unterstützt. Wir finden, Gott ist für die Finanzen zuständig, schliesslich sendet er uns nach Afrika. Wir schreiben in unserem Rundbrief, dass wir im Januar 1993 das erste Mal ausreisen möchten und in der FEG Winterthur (eine Freikirche: Freie Evangelische Gemeinde), bei der wir Mitglieder sind, erzählen wir von unserem Vorhaben an einem Missions-Nachmittag. Anschliessend reisen wir ab. Wir denken, wenn das Geld ausgeht (inklusive unser Erspartes), dann können wir ja immer noch wieder in die Schweiz zurückkehren. Um es vorweg zu nehmen: Gott hat immer für uns gesorgt und wir hatten all die Jahre genug.

Januar 1993: 1. Ausreise: Drei Monate Kamerun – Afrika-Kultur-Kurs
Wir können mit einer Schweizer Familie mitreisen. Darüber bin ich sehr froh, irgendwie ist es doch ein wenig angsteinflössend, nach Afrika zu reisen. Wir übernachten in Douala und reisen am nächsten Tag weiter nach Yaoundé. Dort verbringen wir drei Monate im AOC, das heisst African Orientation Course. Der ist obligatorisch für neue Mitarbeiter. Da lernt man in einer Gruppe viel über die neue Kultur. Wir kochen selber. Wir lernen, dass das Fleisch auf dem Markt eher zäh ist und man am besten bedient ist, wenn man Filet kauft. Wie soll ich ein Filet erkennen? Sie zeigen es uns, es ist so ein längliches Stück Fleisch. Als ich es das erste Mal kaufen muss, habe ich schon ein wenig den Bammel: Was ist, wenn der Verkäufer merkt, dass ich keine Ahnung habe und einfach ein längliches Stück Fleisch aus der Kuh herauschneidet, die hinter ihm am Stand hängt? Aber nein! Ich habe Glück. Als ich das Fleisch der Lehrerin zeige, ist sie zufrieden. Es ist Filet. Puh, nochmals Glück gehabt!

Vor unserer Ausreise muss ich mir noch Jupes besorgen. Das führe ich nicht in meinem Kleider-Sortiment. Hosen sind für Frauen anstössig. Vor allem, wenn sie eng sind. So gewöhne ich mich an Jupes. Am Morgen sprühen wir uns auch jeden Tag mit Anti-Brumm ein. Die Mücken übertragen Malaria und wir wollten trotz der Prophylaxe, die wir jeden Tag nehmen, das Risiko so klein wie möglich halten. Natürlich brauche ich auch Parfum. Wenn ich das heute einsprühe, dann fühle ich mich immer nach Kamerun versetzt und ich kann das Anti-Brumm gleich auch noch riechen.

Teil vom Kurs ist es, dass wir lernen müssen, ein Huhn zu töten. Wir meistern diese Aufgabe zu zweit.

Zum Kurs gehört es, dass wir lernen müssen, ein Huhn zu töten. Wir meistern diese Aufgabe zu zweit.

Der Höhepunkt (ich fürchtete mich davor), dass wir drei Wochen bei einer afrikanischen Familie auf dem Land verbringen. Der Ehemann spricht Englisch. Wir sind weitab von der Zivilisation und wir sind voll auf uns gestellt. Unsere Leiter kommen uns einmal pro Woche besuchen und bringen vielleicht WC-Papier, wenn es uns ausgegangen sein sollte. (Mit Durchfall, was es ja mal geben kann, ist der Bedarf natürlich um einiges erhöht.)

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Am Morgen stehen wir auf und setzen uns in die Stube oder vors Haus. Wir warten. Wir haben Hunger. Ich erinnere mich noch, wie wenn es gestern gewesen wäre. Jeden Morgen die Hoffnung, dass es etwas zu Essen gibt. Oft kam unser Gastgeber dann gegen 11 Uhr mit ein paar Kochbananen, die wir im Feuer rösteten und frische Avocados. Seither liebe ich Avocados. Einmal sind wir unterwegs, um Leute zu besuchen. Die Weissen muss man natürlich herumzeigen, wenn man so hohen Besuch hat. Wir laufen und laufen. Es ist früher Nachmittag und wieder einmal bin ich am Verhungern. Wir halten bei einem Stand an und kaufen ein paar Bananen. Unser Gastgeber trägt sie mit. Ich bin so fix und fertig, dass ich nur noch weine. Bei den Leuten angekommen, setzen wir uns in die Sofas und ich erhalte eine Banane. Ich fühle mich aber überhaupt nicht wohl, weil wir die einzigen sind, die essen und ich nicht weiss, ob das ok ist.

Das ist überhaupt das Schwerste am Anfang: Nie wissen, wie man sich benehmen soll. Man möchte es ja richtig machen. Aber was ist eine Beleidigung, was ist ok? Es dauert Jahre bis ich mich in der afrikanischen Kultur zu Hause fühle.

Wir erleben drei intensive Wochen. Ich verbringe Zeit mit der Mutter und den Kindern in der Küche. Wir begleiten die Familie auch aufs Feld und helfe bei der Arbeit mit. Dies sehr zur Belustigung der allgemeinen Zuschauer. Am Abend gibt es immer eine Mahlzeit, da darf ich bei den Männern sitzen. Normalerweise sitzen die Frauen mit den Kindern in der Küche oder einfach sonst separat.

Drei Monate Abstecher nach Kenia
Unser Direktor fragt mich, ob ich in der Buchhaltung die Daten eingeben möchte. Ich sage, das ist ok, das mache ich gerne. So schickt er uns nach Kenia, damit ich das Buchhaltungsprogramm lerne. Als wir dort ankommen, merke ich, dass sie dort den neuen Buchhalter erwarten. Das bin dann ich. So lerne ich in den Wochen, die wir dort sind, Buchhaltung. Wir können einen Fiat 500 ausleihen. Mit dem fräsen wir in Nairobi herum. Leider ist der Anlasser kaputt und jedes Mal, wenn wir irgendwo abfahren wollen, muss/darf ich Ruedi anschieben. Das ist voll lustig. Der Verkehr in der Stadt ist ja auch nicht ohne, aber mit dem kleinen Flitzer kommen wir gut durch.

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Die Ausbildung geht gut. Ich lerne viel. Zum Abschluss machen wir eine Safari in Masai Mara und verbringen noch zwei Wochen in Mombasa am Meer. Das gefällt uns natürlich gut und ist auch Afrika.

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Juli 1993 mit der DC 3 von Nairobi nach Bangui, zentralafrikanische Republik
Nun gilt es ernst: Seit vier Jahren bereiten wir uns vor, nach Bangui zu reisen. Natürlich wussten wir nicht von Anfang an, wohin es gehen wird. Und doch, vier Jahre sind eine lange Zeit. Nun sind wir da. Unglaublich! Es ist heiss und feucht. Ruedi erhält in den ersten Tagen eine lange Liste mit Tausend Dingen, die er erledigen muss. Sie sind mit 1, 2 und 3 gekennzeichnet, dass er weiss, wie wichtig jede einzelne Aufgabe ist. Die Leitung hat gerade ein Zentrum mit 6 Häusern gekauft, die müssen natürlich instand gestellt werden.

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Ruedi hat keine Werkstatt. Die muss er zuerst bauen. Hier ist sie fertig. Im ersten Jahr ist meine Stube die Garage. Da hat es Gestelle am Rand mit Werkzeugen, andere Gestelle mit Pneus aufgestapelt. Aber es stört mich nicht. Ich entscheide mich, es einfach nicht zu sehen. Das ist eine Stärke von mir. Wenn mich etwas nicht interessiert, oder es nicht wichtig ist, oder ich es nicht ändern kann: Dann sehe ich es einfach nicht. Das ist manchmal noch praktisch.  🙂

Die ersten zwei Jahre sind schwer. Wir haben so viel Arbeit, dass wir gar keine Zeit haben, um die einheimische Sprache zu lernen. So bitten wir die Leitung, dass wir im zweiten Jahr Mal drei Monate auf ein Zentrum von einer anderen Mission im innern des Landes gehen können, mit dem Ziel, Sango zu lernen. Das ist super. Wir finden, es ist einfach normal, dass man sich wenigstens im Alltag mit den Menschen in ihrer Muttersprache unterhalten kann. Man muss ja nicht gerade Dissertationen schreiben können, oder predigen, aber wenigstens auf dem Markt ein wenig plaudern, das muss möglich sein. Das gelingt uns in den drei Monaten.

Am Anfang arbeiten wir wie in der Schweiz. Vollgas. Dann bekommt Ruedi jeden Monat Malaria, obwohl er die Prophylaxe nimmt. Einmal muss die Ärztin sogar zu uns nach Hause kommen und ihn an den Tropf hängen. Wir merken, dass wir etwas ändern müssen. Wir können bei diesem Klima nicht arbeiten wie in der Schweiz. So passen wir uns dem afrikanischen Rhythmus an, machen auch eine lange Siesta und weniger Stunden. Und siehe da: Ruedis Malaria-Schübe bleiben aus.

Eine von Ruedis Aufgaben ist es, einmal im Monat in ein Dorf zu den Pygmäen zu fahren. Wir erhalten einen Unimog, mit dem kann man viel transportieren, und der kommt einigermassen heil durch den Urwald. Es ist toll, die Menschen dort kennen zu lernen. Wir dürfen mitgehen auf die Jagd. Wir merken, wie gut es uns geht. Zu Hause haben wir immer zu Essen im Schrank. Die Pygmäen haben nichts. Wenn sie nichts jagen, weder Tiere noch Honig, dann haben sie nichts zu essen. Wir verhungern fast auf der Jagd, setzen uns ab und zu hinter einen Baum, ruhen aus und essen ein wenig Nüssli, die wir mitgebracht haben. Sie haben nichts und rennen den ganzen Tag durch den Wald. Das ist sehr eindrücklich. Auch wie sie am Boden Spuren lesen können. Sie sehen dem Boden an, was für eine Sorte Honig es oben auf dem Baum hat.

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Die zwei Häuser der Übersetzer. Wir wohnen im linken während unserem Aufenthalt.

Für mich ist es auch eine Herausforderung, dass es nicht so viele andere Weisse in Bangui hat. Man muss mit den Leuten, die da sind auskommen. Also hat man keine so grosse Auswahl an Menschen, mit denen man befreundet sein kann. Für mich eine super Übung! W. wird meine beste Freundin, obwohl wir total verschieden sind. Wir haben heute noch Kontakt und schreiben uns ab und zu. Das finde ich mega cool, wie es möglich ist, tiefe Beziehungen mit jemandem zu haben, der einem am Anfang nicht sehr sympathisch war. Und je besser man sich kennen lernt, desto mehr schätzt man einander. Das ist eine gute Lektion für mich.

Nach so zwei Jahren sind wir recht gestresst. Wenn Leute kommen, sind wir kurz angebunden und alles nervt uns. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist es ja voll peinlich. Die Angestellten auf dem Zentrum beginnen die Arbeit um 7 Uhr und wir um 7.30 Uhr. Da ist es ja normal, dass sie um 7 Uhr schon kommen und etwas von uns wollen. Aber für uns ist das voll der Stress. Es dauert eine Weile und ich merke, dass es für die Leute um uns herum nicht einfach ist, mit uns zu arbeiten! Irgendwann kommen wir darauf, dass wir ja da sind, um zu dienen, ob es jetzt 7 Uhr morgens oder 23 Uhr abends ist, weil sich jemand aus dem Haus geschlossen hat. Wir ändern unsere Einstellung und plötzlich ist alles nicht mehr so schlimm. Wir sind glücklich und haben Spass. Ich bin Gott so dankbar, dass er uns das gezeigt hat.

Das ist noch heute unsere Philosophie und hat uns durch die ganze Zeit in Afrika getragen: Wenn Du etwas nicht ändern kannst, dann reg dich nicht darüber auf. Und wenn du es ändern kann, dann mach’s, Vollgas! So ist das Leben viel leichter.

Nach einem Jahr in Bangui denken wir, jetzt sei eine gute Zeit, um ein Kind zu bestellen. Bisher hatten wir natürlich verhütet und es hat sechs Jahre funktioniert. (Temperaturmethode). Man weiss ja nicht, ob es dann klappt, wenn man dann möchte. Wir gaben die Bestellung auf und ich werde schnell schwanger. Leider verliere ich das Kind in der 10. Woche. Das ist ein Schock, weil ich überhaupt nicht mit so etwas gerechnet habe. Es dauert danach eine Weile, bis ich wieder schwanger werde. Es ergibt sich so, dass wir für die Geburt in der Schweiz auf Heimaturlaub sind. Das ist ein Geschenk, weil Yannick schlussendlich per Notfall-Kaiserschnitt geboren wird. Das überlebt man dann doch besser in der Schweiz. Wir sind etwas überfordert mit dem Stillen und Schlafen, aber irgendwie geht’s.

Ich weiss noch, im Spital, als ich von der Narkose erwache, sehe ich da ein Baby in seinem Bettli. Und ich denke so für mich: Hoffentlich ist das wirklich unser Kind!

Wir geniessen unseren Besuch in der Schweiz. In den vielen Gesprächen mit Freunden sehen wir aber auch, wie jeder seinen Rucksack zu tragen hat. Wir kommen zum Schluss, dass wir mit dem Rucksack, den wir zu tragen haben zufrieden sind. Wir reisen glücklich zurück nach Bangui, und wissen, dass wir genau dort sind, wo Gott uns will und wo unsere Aufgabe ist.

Die ersten Monate mit Yannick sind sehr anstrengend. Er schläft schlecht, wacht in der Nacht alle zwei Stunden auf und ich stille ihn. Am Abend schläft er bis 23 Uhr nicht ein. Am Tag ist er immer am Weinen, so hatte ich mir das Kinder haben nicht vorgestellt. Ich bin müde und frustriert. Da er halte ich von einer Bekannten das Buch „Schlaf mein kleiner Schatz“ von Gary Ezzo und Robert Bucknam. Ich habe vor der Geburt viele Bücher gelesen, aber diese Buch hilft mir wirklich. Wir richten Yannick ein eigenes Zimmer ein. Vorher hat er unter unserem Moskitonetz in einer Krippe geschlafen. Jedesmal, wenn er sich bewegt hat, bin ich natürlich auch wach geworden. Dann bringen wir ihm bei, selber einzuschlafen. Es dauert drei Nächte, die sehr schwer sind für mich, aber dann schläft er durch. Unglaublich! Im Buch hat es viele Ideen, die wir probieren und die funktionieren. So gestaltet sich das Zusammenleben mit unserem Sohn zu einer friedlichen Sache. Ich bin dafür sehr dankbar.

Es gibt schon Anzeichen in Bangui, dass eine Krise naht. Aber wir nehmen das nicht so ernst, bis im April 1996 der Krieg ausbricht. Um uns herum wird immer wieder geschossen. Man weiss nicht, was läuft. Wir zügeln unsere Matratzen in die Stube, da ist es am weitesten weg von der Strasse und hoffentlich treffen uns die Kugeln nicht. Die Meute draussen geht um und stiehlt und macht Zeugs kaputt. In einer Nacht ist es besonders schlimm. Sie stehen vor unserer Tür. Unsere Wächter reden mit ihnen und können sie überzeugen, weiterzuziehen. Wir sind da und warten. Die einen von uns wollten sofort evakuiert werden, andere finden, man muss noch zuwarten. Der Direktor ist gerade ausserhalb des Landes und jemand anders hat die Leitung. Dann haben wir noch drei Kurzzeiter, die bei uns sind. Nicht gerade ideal. Schliesslich entscheiden wir uns, den Franzosen zu telefonieren und zu sagen, dass wir für die Evakuation bereit sind. Am Telefon wird uns erklärt, dass wir die Nummer 3,000 haben. So viele sind noch vor uns! Das ist natürlich ein Schock.

Das Eindrücklichste in der Zeit ist für mich das Bild von Yannick, wie er in der Stube auf der Matratze sitzt und spielt. Völlig im Frieden und völlig happy. Da habe ich mich entschieden, dass ich unsere Situation auch so sehe. Mir kann nichts passieren, was Gott nicht zulässt. Ich kann in ihm Frieden haben. Das ist ein tolles Erlebnis. Mitten im Krieg Frieden zu haben.

Die Franzosen sagen uns, wir müssten woanders warten, weil wir im Quartier der Rebellen seien. So zügeln wir an die Hauptstrasse auf eine andere Missionsstation. Wir fahren im VW-Bus. Unsere Wächter gehen voraus und sagen allen Scharfschützen auf den Häusern am Wegrand, sie sollen bitte nicht schiessen, es kämen nur ein paar Missionare, die in ein anderes Haus umziehen. So ducken wir uns im Bus und beten, dass wir heil ankommen. Das geschieht dann auch. Wir werden freundlich aufgenommen und warten weiter.

Nach drei Tagen kommen am Abend drei Panzer und halten vor dem Haus. Soldaten bilden eine Gasse und wir können durch sie hindurchgehen und einsteigen. Jeder hat ein Handgepäck dabei. Wir sind sicher, dass wir unsere Sachen vom Haus nie mehr wieder sehen werden. Wir merken aber auch, dass es nicht viel gibt, was man nicht ersetzen kann. Und es sind nur Dinge. Es ist eine gute Übung: sein Leben auf ein Handgepäck zu reduzieren. Was würdet ihr mitnehmen?

Wir fahren los. Wir sind extrem erleichtert. Oben im Loch sitzen die Soldaten mit ihren Maschinenpistolen und sorgen dafür, dass uns nichts passiert. Unglaublich. Wie im Film. Am Flughafen warten schon viele Menschen. Es sieht aus wie in der Tagesschau. Ein Refugee-Camp. Wir fragen, wie man zu einem Feldbett kommt. Die Antwort: Jemanden fragen, ob er uns seines gibt. Es gibt keine mehr.

Ruedi schnappt irgendwo auf, dass es eine amerikanische Militärmaschine gibt, die noch heute Abend nach Kamerun fliegt. Er rennt und macht alles, dass wir auf die Maschine können. Es ist ein Transportflugzeug. Irgendwie offen auf der Seite und sehr laut. Wir haben Oropax erhalten, dazu eine Box mit Militär-Essen. Yannick halte ich auf dem Schoss. Mir ist alles egal, Hauptsache es geht weiter. Und in Yaoundé haben wir ja Freunde, die wir vom Kultur-Kurs her kennen.

Wir kommen gut an und sind einfach nur erleichtert. Wir können bei unseren Freunden wohnen und bleiben ein paar Tage, bevor wir in die Schweiz reisen.

Zurück in der Schweiz (1996)
In meinem Elternhaus gibt es im dritten Stock eine Wohnung, die meine Eltern jeweils für uns frei hielten, wenn wir Heimaturlaub geplant haben. Das ist wirklich super. Jetzt war es ja nicht geplant, dass wir schon zurückkommen, aber die Wohnung ist gerade frei. Was für ein Geschenk! So haben wir gleich ein Zuhause. Den Krieg zu erleben war traumatisch. Im Abschlussgespräch in Kamerun sagten sie uns, dass wir in der kommenden Zeit viel müde sein werden. Ohne Grund. Das sei eine Auswirkung des Traumas. Das hilft uns sehr zu wissen, weil es wirklich so ist.

Wir wollen aber nicht Gepäck in unserem Rucksack mittragen, das nicht nötig ist. Deshalb gehen wir zu einem Psychologen, der uns hilft, das Erlebte zu verarbeiten. So sind wir frei und nicht negativ beeinflusst vom Trauma. Es dauert eine Weile, bis wir wieder das volle Energie-Level erreicht haben.

1996–1999 Schweiz – Kamerun – Tschad – Bangui (ZAR)
Das Doofe ist, dass es immer heisst: „In zwei Wochen fliegen wir nach Bangui zurück“, und dann geht es doch nicht, weil es zu unruhig ist. Das bedeutet, dass wir wie nicht frei sind, etwas Neues anzufangen, denn wir gehen ja bald zurück. Wir fliegen dann auch tatsächlich zurück und bauen bei den Pygmäen ein Haus für die Übersetzer. Im Urwalddorf dürfen wir sein, in Bangui ist es noch zu gefährlich. Dann fahren wir von dort nach Kamerun mit dem Landcruiser von Wycliffe. Dort haben sie aber irgendwie auch keinen Platz für uns. So kommt es, dass wir in den Tschad fliegen. Eine Bekannte von uns ist dort Direktorin, sie ist auch von der FEG Winterthur ausgesendet. Wir reisen dahin mit dem Ziel vorerst drei Monate zu bleiben. Wir haben es satt, alle zwei Wochen das Programm zu ändern.

Wir probieren auch schon eine Weile wieder schwanger zu werden. Diesmal klappt es nicht so schnell. Aber nach ein paar Monaten im Tschad werde ich schwanger. So bleiben wir schlussendlich 8 Monate dort und fliegen für die Geburt in die Schweiz.

Im Tschad ist das Klima mega heavy. Bis zu 50 Grad und sehr trocken. Ich hätte nie gedacht, dass das so schlimm ist. Aber man ist wie auf Sparflamme. Die Mitarbeiter, die dort arbeiten, sind extrem stark. Das heisst, sie wissen von ganzem Herzen, dass Gott sie da will, sonst schaffen sie es nämlich nicht. Sie hatten noch nie jemanden, der freiwillig für Unterhalt des Zentrums sorgte. Es wurde immer ein Übersetzer von seiner Arbeit für ein Jahr abgezogen und in die Hauptstadt stationiert, um diesen Job zu übernehmen. Jetzt sind wir da und sagen: „Dafür sind wir da.“ Für sie ist das unglaublich. Sie sind extrem dankbar. Ruedi baut viele Dinge, die das Leben einfacher machen. Zum Beispiel fliesst das Wasser der Stadt von Mitternacht bis am 2 Uhr an. Das bedeutet, dass man dann aufstehen und die Fässer im Haus füllen muss. Sonst hat man am Tag kein Wasser. Er baut Gestelle, wo die Fässer drauf stehen und speist sie ins System ein, so dass man auch am Tag fliessendes Wasser hat, wenn von der Stadt her keines kommt.

Anfangs 1998 fliegen wir in die Schweiz, wo am 2. April Yael zur Welt kommt. Auch mit einem Kaiserschnitt (nach 14 Std. Wehen). Jetzt ist es einfacher, weiss ich doch ein wenig, was auf mich zukommt. Wir wohnen wieder in der Wohnung in Bülach und fühlen uns schnell wohl.

In Bangui ist die Situation immer noch nicht stabil, so reisen wir mit Yael und Yannick nach Kamerun. Wir arbeiten beim afrikanischen Kultur-Kurs mit. Später reisen wir wieder nach Bangui. Die Lage hat sich beruhigt und wir können in Frieden arbeiten. Zeitlich weiss ich nicht mehr genau, wie alles war, aber in der Zeit überlegen wir, wie es bei uns weitergehen soll.

Beziehungen in Bangui
Wir lernen immer mehr über die afrikanische Kultur. Ein Beispiel, noch aus unseren ersten zwei Jahren hatte ich folgenden Clash: Ich habe einen tüchtigen jungen Hausangestellten, der mir sehr viel in meinem Haus hilft. Er arbeitet sehr hart. Auf dem Zentrum befinden sich viele Büros. Alphabetisierungs-Spezialisten arbeiten da. Ich arbeite in der Buchhaltung mit. Jemand macht die Kasse. Das Team ist bunt zusammengewürfelt aus Kanadiern, Neuseeländern, Schweizern, Amerikanern, einer Österreicherin und natürlich vielen Zentralafrikanern. Einer von ihnen ist für die Administration zuständig. Er besorgt allen die richtigen Papiere oder wenn etwas über den Zoll kommt, löst er es aus. Er ist ein wichtiger Mann. An einem Tag korrigiert er meinen Hausangestellten am Telefon. Ich weiss nicht mehr, worum es ging. Aber ich fand, es sei nicht an ihm, meinen Angestellten zu kritisieren. Als ich es erfahre, renne ich aus dem Haus und treffe ihn gerade noch vor der Garage von Ruedi. Es hat noch Wächter da, andere Angestellte, Ruedi… und ich kanzle den Administrator vor allen runter. Ich bin so wütend.

Das kommt gar nicht gut an. B., der Direktor der zentralafrikanischen Organisation nimmt mich zur Seite und erklärt mir, was ich da für einen Faux-Pas geleistet habe. In der Hierarchie der afrikanischen Kultur steht immer Gott zuoberst, dann der Mann, dann die Frau, Kinder und zum Schluss die Tiere. Nur schon die Tatsache, dass ich als Frau einem Mann etwas sage, ist schwierig. Und dann steht der Administrator ja über dem Hausangestellten, deshalb hat er jedes Recht, ihm zu sagen, was er will. Das ist für mich sehr schwer zu verstehen, aber ich entscheide mich dazu, in dieser Hierarchie zu funktionieren. Ich entschuldige mich bei G. und bin von nun an sehr sensibel, was ich als Frau zu einem Mann sage. Wenn ich zum Beispiel etwas vom Administrator brauche, bespreche ich das mit Ruedi und sage dann zu ihm: „Ruedi schickt mich, kannst Du das und das bitte für uns erledigen“. So fühlt er sich respektiert und geht gerne auf meine Wünsche ein.

Durch dieses und andere Erlebnisse wird unsere Beziehung zum Direktor immer tiefer. Er erklärt uns Dinge, macht uns auf Gefahren aufmerksam. Wir lernen auch, dass man sich für den anderen anzieht. Wenn ich auf Besuch gehe, ziehe ich mich schön an, damit die Person, die uns eingeladen hat, sich geehrt fühlt. Mir ist das mit meinem rebellischen Geist nicht immer einfach gefallen.

Westliche Mitarbeiter in Afrika haben die Tendenz, im Nachthemd herumzulaufen. Für sie ist es ein Kleid. Die Zentralafrikaner hingegen verwenden solche Kleider als Pyjama. Für sie ist es mega komisch, wenn wir billige Stoffe kaufen, weil sie wissen, dass wir Geld hätten für teurere Stoffe. Sie kaufen immer das Teuerste, was sie gerade noch vermögen, denn so können sie zeigen, wie viel Wert sie den anderen geben. So habe ich angefangen, schöne, etwas teurere Kleider nähen zu lassen. Man kauft die Kleider ja nicht von der Stange, weil es das nicht gibt, sondern geht zum Schneider, der einem das Kleid näht.

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Eines meiner spezielleren Kleider. Unten Wickeljupe, dann den Pagne drüber und oben ein Top. Hier im Gespräch mit B.

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Hier auch in voller Montur. Man beachte Ruedis Schuhe. Die sind der letzte Schrei!

Unsere Arbeit dient vor allem dazu, Übersetzer zu unterstützen, so dass sie ihrer Arbeit nachgehen können. Wir arbeiten vor allem mit Weissen. Aber jetzt, nach einigen Jahren, in denen wir so viel über die afrikanische Kultur gelernt haben, möchten wir eigentlich lieber mit Afrikanern arbeiten. Wir spüren, dass wir den Draht zu ihnen haben. Irgendwoher hören wir von einer neuen Arbeit in Wycliffe: audiovisuelle Medien (Kassettendienst). Bisher sind wir immer davon ausgegangen, dass die Menschen lesen lernen müssen, dass sie die Bibel dann in ihrer Muttersprache lesen können. Aber die Kulturen, in denen wir arbeiten sind meistens mündliche Kulturen. Die Geschichten werden von Mund zu Mund weitergegeben. So gibt es eine neue Abteilung, in der man übersetzte Texte auf Kassette aufnimmt. Ruedi findet das faszinierend und wir bewegen uns in diese Richtung.

Das bedeutet, dass wir auf Ende 1999 unsere Zeit in Bangui abschliessen.

Ton-Techniker Kurs in den USA (2000)
Wir reisen nach Waxhaw in North Carolina, wo diese Ausbildung von Wycliffe angeboten wird. Ruedi lernt mit vielen anderen, wie man Kassetten aufnimmt. Das Ziel ist, dass er in ein afrikanisches Dorf gehen kann, um dort ein Haus mit Matratzen auszulegen und so in ein Studio zu verwandeln und die Kassetten lokal aufzunehmen. Das zweite Ziel wäre es, Einheimische auszubilden, dass sie die Arbeit dann selber machen können. Wir sind Feuer und Flamme für die neue Arbeit. Es ist eine tolle Möglichkeit, dass die Bibel in die Hände der Menschen kommt.

Es ist nicht wie bei uns: Wir hörten Kassetten damals im stillen Kämmerlein alleine für uns an. In Afrika findet das Leben draussen statt und wenn jemand einen Kassettenrekorder hat und erst noch eine Kassette, dann sitzt das halbe Dorf darum herum und hört auch zu. Es ist eine tolle Möglichkeit, dass Menschen hören, dass Gott sie liebt.

Nun stellte sich die Frage: In welchem Land sollen wir die neuerworbenen Fähigkeiten einsetzen? Ein Kriterium waren die Schulmöglichkeiten für die Kinder. Nach vielen Überlegungen und Beten mussten wir zwischen Dakar im Senegal und der Elfenbeinküste wählen. Aus Senegal erhalten wir eine herzliche Einladung und in der Elfenbeinküste gehen die Türen zu. So ist es klar. Und ehrlich gesagt, sind wir Gott sehr dankbar, dass er es so gelenkt hat. Ein paar Jahre später gibt es in der Elfenbeinküste einen Staatsstreich und Krieg bricht aus. Das möchte ich eigentlich nicht nochmals erleben.

Drittes Kind
Wir wünschen uns ein drittes Kind und in der Zeit in Amerika bin ich mit Cedric schwanger. Ach ja, ich habe vergessen, zu erwähnen, dass ich bei allen Kindern in den ersten 12 Wochen ein paar Wochen liegen musste, weil ich Blut verloren hatte. Bei Cedric nehme ich es von Anfang an sehr ruhig, mir ist viel schlecht, da ruhe ich mich aus.

Sein Geburtstermin ist anfangs Oktober. Wir planen die Geburt auf den 2. Oktober, weil da eine befreundete Hebamme frei hat und sie uns beim geplanten Kaiserschnitt unterstützt. Es ist super cool. Ich bin wach, bekomme „nur“ die Periduralspritze, sodass ich nach der Geburt wach bin und beim ersten Bädele dabei sein und vom Bett aus zuschauen kann. Nun sind wir zu fünft. Vier Männer und ich. Das ist völlig ok für mich. Ruedi hätte gerne noch ein Mädchen gehabt, ich finde Jungs cool. Für ihn ist es natürlich auch ok, aber es hätte ihm nichts ausgemacht noch ein Mädchen zu haben.

2001 – Dakar, Senegal
Im Januar reisen wir das erste Mal nach Dakar. Wir kommen uns vor wie im Paradies. Das Meer ist in der Nähe, das Klima ist angenehm und wir werden freundlich aufgenommen. Da Yannick die Christliche Amerikanische Schule besuchen wird, suchen wir ein Haus in der Nähe. Ich habe in Kamerun zu viele Frauen gesehen, die den ganzen Tag am Kinder herum chauffieren sind. Wir finden ein tolles Haus, das sogar eine Einleger-Wohnung hat, die wir vermieten können und es ist auch nicht zu teuer. Ich finde immer, Miete ist Geld, das jeden Monat fehlt. Da habe ich an die Wohngelegenheiten nicht so hohe Ansprüche und gebe das Geld lieber für anderes aus.

Wir kaufen uns auch einen Scooter. Da kann ich am Morgen jeweils mit den drei Kindern zur Schule fahren. Wir sind in Afrika, da ist das nicht so eine grosse Sache. Es ist nur ein kurzer Weg durchs Quartier.

Ruedi lebt sich schnell in seine Arbeit ein. Auf dem Zentrum in Dakar gibt es ein Studio, wo sie Aufnahmen machen. Neben ihm gibt es noch zwei andere Männer, die mit ihm zusammen arbeiten. Leider finden es nicht alles so wichtig, Einheimische auszubilden. So gibt es am Ende nur einen Kurs. Ideen kommen nur zu stand, wenn das ganze Team die gleiche Vision hat. Dies war nicht der Fall. So ist es manchmal ein wenig schwierig für uns.

Mir wird C. empfohlen und sie beginnt für uns zu arbeiten. Wir verstehen uns von Anfang an gut und ich bin sehr glücklich, dass sie bei mir ist.

Wir besuchen C. auch zu Hause im Süden vom Land. Hier habe ich wieder Mal eine lokale Frisur. Das liebe ich auch.

Wir besuchen C. auch zu Hause im Süden des Landes. Hier habe ich wieder Mal eine lokale Frisur. Das liebe ich und die Senegalesinnen finden das auch super.

Als wir in unserem Haus einziehen, fragen wir senegalesische Freunde, was man da normalerweise so macht. Die Antwort ist: An einem Samstag geht ihr von Haus zu Haus und begrüsst die Nachbarn und sagt ihnen: „Wir sind die, die da drüben im kleinen Haus wohnen“, stellt euch vor, setzt euch hin und lernt sie kennen. Ich denke zuerst: „Nein, das schaffe ich nicht“. Aber wenn man um einen Rat fragt, sollte man ihn auch befolgen, sonst hätten wir ja nicht zu fragen brauchen!

So nehmen wir all unseren Mut zusammen und gehen von Haus zu Haus. Unser nächster Nachbar ist so beeindruckt, dass wir diesen senegalesischen Brauch machen, dass er sich die ganzen vier Jahre, die wir dort leben, nicht erholen kann. Für ihn ist das ein extremes Zeugnis. Wir sehen ihn und seine Frau ab und zu. Sie sind beide berufstätig und haben nicht so viel Zeit. Aber ab und zu ein Schwätzchen, das schätzen sie.

Ruedi fährt mit dem Velo zur Arbeit aufs Zentrum. Das ist bei dem Verkehr manchmal ein wenig kriminell, aber es ist immer gut gegangen. Ich arbeite einmal pro Woche einen halben Tag und mache die Kasse. Da können alle Mitglieder kommen und Cash holen. Da habe ich mich jeweils schön herausgeputzt und die senegalesischen Mitarbeiterinnen sind jedes Mal fast ausgeflippt. Sie lieben es, sich schön zu machen, auch wenn es „nur“ für die Arbeit ist. Ich habe mir sogar Stögeli-Schuhe gekauft und gelernt, darin zu gehen. Deshalb habe ich einen Scooter, da kann ich auch im Kleid fahren.

Die Zeit vergeht schnell und schon bald gilt es zu überlegen, wann der richtige Moment ist, um mit den Kinder wieder in die Schweiz zurückzukehren. Wir hören Stimmen, die sagen: vor der Pubertät, andere sagen danach. Wir fragen Gott, beten, überlegen… Wir kommen zum Schluss, dass wir vor der Pubertät zurück gehen wollen.

Letztes Bild von unserer Zeit in Afrika.

Letztes Bild von unserer Zeit in Afrika.

2005
Wir kommen auf Heimaturlaub und planen eigentlich, im Sommer nochmals zwei Jahre nach Senegal zu gehen. Yannick ist zu dem Zeitpunkt 9 Jahre alt. Im April erhält mein Vater die Diagnose Leukämie, die schlimmste Form. So beginnt eine intensive Spitalzeit. Plötzlich hat man Zeit. Wir besuchen ihn im Spital. Nach der Chemo fahre ich 3x die Woche mit ihm nach Zürich zur Kontrolle.

Während mein Vater im Spital liegt, arbeite ich an seiner Stelle in der Druckerei mit. Onkel Ernst ist sehr froh darüber, Papi auch. Doch sobald er wieder da ist und kann, will er selber. Das ist ok für mich.

Wir wissen nicht, ob mein Vater wieder gesund wird. Es könnte sein, es könnte aber auch nicht sein. Wir entscheiden uns dazu, unsere Zeit in Afrika abzuschliessen. Wir fliegen im Sommer für drei Wochen nach Dakar. Eine Woche nehmen wir uns Zeit, um alles zu sortieren und zu entscheiden, was wir damit machen. Wir haben 12 Jahre Afrika hinter uns und können 200 kg mit in die Schweiz nehmen. Da gibt es doch einiges an Grümpel, das sich angesammelt hat. Wir können in einem riesigen Haus wohnen, wo die Bewohner gerade auf Heimaturlaub sind. Das erlaubt uns, alles auszubreiten und zu packen. Eigentlich geht es recht gut. Aber es ist anstrengend, dazu noch mit drei Jungs, die auch unterhalten werden wollen. Zum Abschluss machen wir noch einmal Ferien in Saly am Meer in einem Bungalow. Das lieben alle. So können wir von allen geliebten Orten Abschied nehmen.

Die Zeit ist überschattet von dem Wissen, dass jederzeit der Anruf kommen könnte, dass mein Vater gestorben ist. Während unserer Abwesenheit ist herausgekommen, dass sie ihm auch in Basel nicht mehr helfen können. Er darf heim, aber er weiss, er wird sterben. Da er weiss, wo er die Ewigkeit verbringen wird, ist es für ihn ok. Er hat alles vorbereitet.

Nach drei Wochen reise ich mit den Kindern wieder in die Schweiz. Ruedi bleibt noch eine Woche, um im Ton-Studio seine Arbeiten abzuschliessen. Am Heimreisetag stirbt mein Vater um 12 Uhr, ich komme mit dem Flieger mit den Buben um 15 Uhr an und um 17 Uhr beginne ich in der Druckerei zu arbeiten. Wir haben gerade einen Auftrag, der raus muss. Und mein Vater konnte die letzten zwei Wochen nicht mehr arbeiten, obwohl er das gerne getan hätte.

So ist unsere Rückkehr krass. Auf Englisch würde man sagen „we hit the ground running“. Das kann ich nicht so treffend auf Deutsch sagen. Einfach: Wir kommen an und geben vom ersten Tag an Vollgas. Wenn mir jemand ein paar Jahre früher gesagt hätte, Du wirst einmal arbeiten, sogar als Teilhaber von einem Geschäft, hätte ich mich gefragt, ob die Person spinnt. Ich habe immer gesagt, ich werde nie auf die Kosten der Kinder arbeiten. Aber die Situation ist so, dass die Kinder seit dem August Blockzeiten haben. Sie sind von 8-12 Uhr im Chindsgi oder der Schule. Die Arbeit ist in den letzten Jahren zurückgegangen und ist in 50% machbar. So reicht mir der Morgen. Und mein Onkel ist extrem froh, kann er weiter arbeiten. Er macht es als Hobby und nicht weil er muss. Er ist einfach glücklich, jeden Tag so gegen 10 zur Arbeit zu kommen, er wohnt gleich nebenan, dann langer Mittag, einfach voll easy. Ich arbeite einfach am Morgen Vollgas, so habe ich am Nachmittag Zeit für die Kinder.

Eine lustige Episode von der Zeit: Yannick ist in der 3. Klasse. Er meistert es gut, obwohl er bisher Schule in Englisch gehabt hat. Bei einem Elterngespräch frage ich die Lehrerin, ob sie überhaupt gemerkt habe, dass er gar nicht Deutsch lesen kann. (Ich glaube, er hat immer improvisiert). Sie ist ganz erstaunt und verneint. Sie erklärt mir, dass sie in der 2. Klasse viel laut lesen, da weiss sie wie gut jedes Kinde lesen kann. Und weil Yannick immer gut mitmacht, ist es ihr gar nicht aufgefallen. Danach legt sie den Fokus bei ihm darauf, dass das Lesen schnell kommt.

Ruedi arbeitet 80 %. Er findet eine Stelle als Mechaniker hier in Bülach. Das ist auch ein Geschenk. So kommt er immer um 16 Uhr heim und wenn ich dann doch noch Arbeit habe, kümmert er sich um die Kinder. Das geht gut. Wir sehen in unserem Umfeld, wie in vielen Familien jedes Kind ein anderes Hobby hat und zu anderen Zeiten weg ist. In Afrika gab es nicht viel zu tun am Abend, da waren wir immer zusammen. So überlegen wir, was wir als Familie machen könnten. Da Ruedi und ich gerne Töff fahren, probieren wir, ob unsere Jungs gerne Motocross fahren würden. Wir kaufen kleine Töffli und probieren es aus.

Cedrics erste Fahrversuche mit seiner PW 50. Er macht es gut.

Cedrics erste Fahrversuche mit seiner PW 50. Er macht es gut.

Ein paar Jahre später sieht es schon ganz anders aus.

Yannick liebt das Quad fahren. Er ist unglaublich schnell.

Yannick liebt das Quad fahren. Er ist unglaublich schnell.

Wir beginnen klein. Fahren mit unserem Toyota Previa in den Ferien nach Schweyen, Frankreich, wo es eine Motocross-Piste gibt, die die ganze Woche offen hat. Wir stellen Zelte auf und campieren 7–10 Tage. Die Jungs lieben das und wir auch. So haben wir einen grossen Anhänger mit 4 Motorrädern drauf und 1 Quad. Dreimal im Jahr machen wir das. Es ist etwas stressig, bis wir jeweils bereit sind zum Abfahren. Ich muss im Geschäft alles fertig machen, für die Ferien alles planen und dann ist es im Frühling und Herbst doch schon recht kalt. Nach drei Mal mag ich nicht mehr. Ich sage zu Ruedi, entweder wir kaufen ein Wohnmobil oder wir müssen ein anderes Hobby wählen.

Wir überlegen, wie viel Geld wir aufwenden können und finden ein kleines, altes, günstiges Wohnmobil. Wir haben alle Platz, auch wenn es etwas eng ist. Im Vergleich zum Zelt ist es jedoch wunderbar. Später erstehen wir sogar ein amerikanisches Wohnmobil, 10 m lang. Das ist natürlich Luxus pur und wir geniessen es.

Gemeinde
Ruedi ist in der FEG Winterthur aufgewachsen. Als wir geheiratet haben, sind wir dahin gegangen. Ich arbeitete eine Weile im Sekretariat mit, bevor wir ausgereist sind. Diese Gemeinde hat uns auch immer unterstützt in unserer Zeit in Afrika. Dafür sind wir sehr dankbar. Zurück in der Schweiz wohnen wir in Bülach und mit der Zeit finden wir, es ist besser in der Nähe in eine Gemeinde zu gehen. Wir entscheiden uns für die Baptisten Bülach. Da finden wir Anschluss und fühlen uns wohl. Wir haben viele tolle Beziehungen mit coolen Menschen.

Wir hören immer wieder vom ICF Zürich und finden, da gehen wir Mal hin, dass wir selber wissen wie es ist. Wir sind begeistert von Leo Biggers lebendiger Art zu predigen. Jedes Mal nehmen wir etwas mit, was wir im Alltag anwenden können. Es ist sehr tief, aber auch sehr praktisch, das liebe ich. So gehen wir am Abend in den Gottesdienst für die Jungen, wenn wir hier sind.

2013 – Abschied von Onkel Ernst
Im August erleidet mein Onkel einen Darmdurchbruch und erholt sich nicht mehr. Innert kürzester Zeit geht er von uns. Nun muss ich überlegen, wie ich das Geschäft weiterführe. Entweder muss ich eine halbe Million investieren und einen Drucker einstellen, oder ich muss etwas ändern. Ich entscheide mich dafür mit einem Partner zusammen zu arbeiten. Wenn ich Arbeit habe, die ich nicht selber machen kann, gebe ich sie ihm. Er hat sehr gute Konditionen, so geht das. So kann ich meine Fixkosten tief halten und habe keinen Druck, wie viel Arbeit ich haben müsste. Die Arbeit geht stetig ein wenig zurück. So dass ich mich frage, wie es weitergehen soll. Ich spezialisiere mich ein wenig auf Drucksachen im Todesfall. Es fällt mir leicht, auf Trauernde zuzugehen und sie einfühlsam zu beraten.

Ich frage auch Gott, was er mit mir vorhat. Im Neujahrs-Gottesdienst vor ca. 3 Jahren ziehe ich den Vers aus Psalm 37,7: Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. Ich dachte, ok, ich muss Geduld haben, das mit der Arbeit kommt schon wieder. Geduld ist nicht unbedingt mein Ding, aber ich habe es gelernt. Zwei Jahre später bin ich in Kontakt mit time4u, die Sozialbegleitungen machen. C., die Geschäftsführerin bietet mir einen Job 25% an, Sozialbegleitungen zu machen. Das gefällt mir und ich lerne sehr viel. Nach 1.25 Jahren höre ich dort aus verschiedenen Gründen wieder auf.

2016 neue Türen gehen auf
Ich sehe in der Zeitung ein Inserat, wo sie in Bülach Freiwillige suchen, um mit Asylsuchenden zu arbeiten: Deutsch-Kurse geben, Begegnungs-Treffs machen und Sport. Ich melde mich an und wir beginnen da mitzuarbeiten. Von Januar bis August bieten wir einmal die Woche Spiel und Sport an. Wir dürfen die Räumlichkeiten bei den Baptisten nutzen. Das ist super. Durch verschiedene Umstände komme ich in Kontakt mit der Sozialmanager Schule in Aarau. Ich nehme an einem Besucher-Tag teil. Am Ende vom Tag sitze ich in dem Klassenzimmer und weiss: Das ist es! Aber nur, wenn ich es mit Ruedi machen kann.

Zu Hause reden wir darüber und Ruedi findet es eine gute Idee. Wir bewerben uns und werden angenommen. Im August haben wir jetzt mit der Ausbildung angefangen. Ruedi macht immer an den Schultagen mit und erhält eine Anwesenheitsbestätigung und ich mache die ganze Ausbildung mit Diplom. Wir möchten zusammen ein Projekt erarbeiten und denken, ein Diplom für beide wird hoffentlich schon reichen! Ich liebe es, Neues zu lernen und es fällt mir auch leicht. Ruedi arbeitet 100%, da wäre es schwierig, nebenbei so viel für die Schule zu arbeiten. Und es ist auch nicht ganz so sein Ding. Aber ohne ihn würde ich es nicht schaffen. Wir haben einmal im Monat 2-3 Tage Schule mit Aufgaben vor- und nachher.

Mai 2017
Es hat sich für uns kein Projekt herauskristallisiert und die Schule war nicht das, was ich mir erhofft habe. So schreibe ich den Abmeldungsbrief. Wir haben viel gelernt, aber jetzt bin ich froh, ist es vorbei.

Dieser Blog
Seit Jahren lese ich jede Woche den Beitrag von Bänz Friedli in der Migros Zeitung. Erst letzthin habe ich auch die Coop Zeitung bestellt, weil ich die Beiträge von Schreiber vs. Schneider so cool finde. Oder im Wospi den Beitrag von Beatrice Petrucco. Schon lange habe ich es im Hinterkopf, dass ich auch gerne schreiben würde.

Seit bald einem Jahr macht Kevin Rechsteiner jeden Tag einen Video Blog. Den schaue ich mir auch immer an, wenn es geht. In einem Beitrag schrieb er in seinem Blog, dass er Menschen unterstützen möchte, die selber einen Blog anfangen möchten. Ich habe mir überlegt was ich will und ihm meine Ideen vorgelegt.

Dank ihm ist dieser Blog möglich. DANKE Kevin!!!!

Meine Idee
Zum Anfangen habe ich jetzt Mal mein Leben geteilt. Danach schreibe ich Beiträge über Themen, denen ich im Alltag begegne. Ich würde es aber auch cool finden, wenn Menschen mir Fragen schreiben würden und ich darauf antworten kann. Das ist meine Hoffnung. Mein Ziel ist es, Menschen konkrete Ideen zu geben zu einer Situation. Ich liebe es, eine Situation zu hören, meistens ist es ja eine schwierige Situation, sonst würde man nicht darüber reden… genau hinzuschauen und zu überlegen, was der nächste konkrete Schritt sein könnte. Und das dann ausprobieren. Das ist meine Leidenschaft. Menschen einen Schritt weiterführen auf ihrem Lebensweg.

Neu
An der Schule kam ich darauf, dass ich gerne Video-Blogs machen würde. Das ist so in mir gewachsen. Aus: so etwas kann ich nicht, zu: ich kann das, ich will das und ich mache das. Ich bin sehr glücklich darüber und liebe es, Gott zu fragen, was ich sagen soll und dann ein Video zu dem Thema zu machen. Das macht mir voll Spass.

Ende